Gute Stimmung ist nicht immer ein gutes Zeichen

Wenn nie gestritten wird, kann das Reife sein. Oder das Gegenteil.
Ein Satz, der stolz gemeint ist und bei dem ich trotzdem genauer hinhöre: „Bei uns gibt es eigentlich keine Konflikte." Im Grunde stimmt er nie ganz, denn wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es unterschiedliche Interessen, und ohne Reibung gibt es keine Entwicklung. Die Frage ist nie, ob es Konflikte gibt, sondern wie mit ihnen umgegangen wird. Mal kommt der Satz von einer Mitarbeiterin, mal von einem Gesellschafter, mal von zwei Geschwistern, die zusammen die Firma führen. Und oft beschreibt er keine gelungene Zusammenarbeit, sondern eine, die das Streiten verlernt oder nie gelernt hat.
Es ist wie so oft in der Kommunikation: Wir sehen nur einen kleinen Teil, das Entscheidende bleibt verborgen unter der Oberfläche.
Die sichtbare Ruhe ist täuschend angenehm.
Die Frage ist, was unter ihr liegt. Denn für diese scheinbare Ruhe gibt es in der Regel zwei Gründe.
Ein Grund ist das freundliche Zurückhalten. Kim Scott hat dafür in ihrem Buch Radical Candor (2017) im Kontext von Kommunikation und Feedback einen treffenden Begriff geprägt: ruinous empathy, ruinöse Empathie. Gemeint ist die Rücksicht, die niemandem nützt. Man sagt das kritische Wort nicht, um die andere Person zu schonen, um die gute Stimmung nicht zu gefährden, um sich selbst das unangenehme Gespräch zu ersparen. Das fühlt sich fürsorglich an und ist doch das Gegenteil, denn wer nicht erfährt, was nicht stimmt, kann es nicht ändern. Scott nennt das den Fehler, der die meisten gutmeinenden Menschen erwischt. Und das Zurückhalten verschwindet nicht, es sammelt sich.
Ein anderer Grund ist der kalte, erstarrte Konflikt. Hier fehlt nicht der Mut zum Gespräch, hier ist das Gespräch längst aufgegeben. Man hat sich arrangiert, geht sich aus dem Weg, wahrt die Form. Nach außen ist es ruhig, und genau diese Ruhe täuscht. Es ist nicht die Ruhe der Klärung, sondern die der Resignation. (Woran man einen erstarrten von einem aufgeheizten Konflikt unterscheidet und wann beide Hilfe von außen brauchen, habe ich an anderer Stelle beschrieben.)

In beiden Fällen liegt die sichtbare Ruhe über einer Tiefe, in der sich etwas bewegt, und was sich dort bewegt, bleibt nicht ohne Folgen. Die Stimmung kühlt ab, die Motivation sinkt, und die Zusammenarbeit wird langsamer, ohne dass jemand benennen könnte, woran es liegt. Entscheidungen werden kaum noch verhandelt, sie werden durchgewunken oder im Hintergrund geregelt. Oft werden sie gar nicht mehr getroffen und führen zu Konflikten, für die sich am Ende andere verantwortlich fühlen, die sie gar nicht lösen können.
Das betrifft nicht nur Gremien und Runden. Oft spielt es sich zwischen zweien ab. Zwei Gesellschafter, die seit Jahren höflich aneinander vorbei entscheiden. Eine Führungskraft, die einer Mitarbeiterin nie sagt, woran es wirklich hakt, und sie stattdessen innerlich abschreibt. Ein Vater und eine Tochter, die jedes heikle Thema umschiffen, damit das nächste Familienessen nicht belastet wird. Je enger die Beziehung, desto größer die Versuchung, die Klarheit für den Frieden zu opfern. Und desto teurer wird es, weil das Ungesagte sich nicht auflöst, sondern ablagert.
Wie erkennen Sie, welche Art von Ruhe bei Ihnen herrscht? An einer gesunden Zusammenarbeit fällt auf, dass gesagt und widersprochen werden darf, ohne dass dies bestraft wird. Es wird zugehört, und unterschiedliche Meinungen werden respektiert, auch wenn sie unbequem sind. Sie liegen auf dem Tisch und werden nicht hinter vorgehaltener Hand versteckt oder verhandelt. Nach einem schwierigen Gespräch ist die Stimmung vielleicht angespannt, aber nicht vergiftet. Reibung ja, Dauerfrost nein.
Die Frage, die ich gerne stelle, ist: Was erwarten Sie, wenn Sie ein schwieriges Thema ansprechen?
Wer darauf zögernd antwortet, mit der leisen Sorge, es könnte etwas beschädigen, oder gleich sagt, das bringe ja nichts, beschreibt damit schon die Antwort. Dann ist die gute Stimmung vielleicht keine Stärke, sondern ein Symptom.
Nichts davon heißt, dass Harmonie verdächtig ist. Es gibt Beziehungen, geschäftliche wie familiäre, die tragen seit Jahren und vertragen trotzdem ein klares Wort, wenn es sein muss. Das ist eine stabile Basis. Der Unterschied liegt nicht an der ruhigen Oberfläche, sondern darunter: ob die Ruhe aus Vertrauen kommt oder aus Vermeidung. In der einen könnten Sie jederzeit etwas Unbequemes sagen und tun es nur nicht, weil es gerade nichts zu sagen gibt. In der anderen könnten Sie es theoretisch auch, nur würden Sie es nie.
Erstarrende, aufheizende Konflikte und ab wann braucht man Unterstützung? - das habe ich hier beschrieben: Ab wann braucht ein Konflikt Hilfe von außen



