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Reflexion ist kein Luxus

  • Autorenbild: Brigitte Santo
    Brigitte Santo
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Wenn es eng wird, wird oft zuerst am Innehalten gespart. Dabei ist gerade das die Reserve, die durch unsichere Zeiten trägt.



Den Satz, der diesem Text den Titel gibt, habe ich nicht selbst geschrieben. Ein Leser hat ihn unter einen meiner Beiträge gesetzt: „Reflexion ist kein Luxus.“ Vier Worte, und sie sind hängengeblieben, weil sie auf den Punkt brachten, worum ich seit Monaten kreise. Denn ich beobachte schon seit längerem das Gegenteil. Reflexion wird behandelt wie Luxus. Und Luxus ist das, was man zuerst streicht, wenn es eng wird.


Und eng ist es. In meinem eigenen Berufsfeld spüren viele Kolleginnen und Kollegen, dass Aufträge ausbleiben. Unternehmen sparen, auch solche, die gute Gewinne machen. Es ist diese Phase der großen Unsicherheit, in der vieles gleichzeitig wackelt: KI, geopolitische Spannungen, eine Konjunktur, die nicht in Gang kommt. In solchen Phasen wird zusammengestrichen, was nicht unmittelbar etwas abwirft. Und das Erste, was als verzichtbar gilt, ist oft das Leise: Trainings, Teamentwicklung, Begleitung, alles, was mit Zusammenarbeit und Innehalten zu tun hat.


Das ist kein subjektiver Eindruck. Der deutsche Beratungsmarkt ist 2025 kaum noch gewachsen. Der Branchenverband BDU meldet ein Plus von nur noch einem halben Prozent, nach gut vier Prozent im Jahr zuvor. Die Forscher der WGMB, die den Markt etwas weiter fassen, kommen zum selben Befund: kaum Wachstum, real bleibt davon fast nichts übrig. Langfristige Initiativen werden zugunsten kurzfristiger Stabilisierung verschoben. Branchenexperten sprechen von einem Jahr der harten Priorisierung: Die Frage sei nicht mehr, ob investiert werde, sondern worin zuerst. Besonders im Mittelstand rücken Krise und Restrukturierung in den Vordergrund.


Gerade jetzt müsste man das Gegenteil erwarten. Der Arbeitsmarkt ist im Umbruch, Stellen fallen weg, viele tun sich schwer, überhaupt etwas zu finden. In einer solchen Lage, sollte man meinen, halten Unternehmen ihre Leute und machen sie fit für den Wandel. Tatsächlich passiert das Gegenteil. Nach Auswertungen des IAB ist der Anteil der Betriebe, die Weiterbildung fördern, 2024 und 2025 spürbar gesunken, auf rund 45 Prozent, nach etwa 55 Prozent vor Corona. Die erhoffte Trendwende ist ausgeblieben. Die Forscher führen das auf die anhaltend schwache Wirtschaftslage zurück, und das ist doppelt bitter: Eine schwächere Auftragslage ließe eigentlich mehr Zeit für Weiterbildung. Doch die verschlechterte Geschäftslage macht die Investition schwerer.


Und gekürzt wird nicht überall gleich. Wo noch investiert wird, fließt das Geld in messbares, schnell verwertbares Können, in KI-Kompetenz und Digitalisierung. Soziale und Führungskompetenzen werden ohnehin seltener geschult als Fachwissen. Was sich schwer beziffern lässt, das Beziehungsklima, die Konfliktfähigkeit, die ehrliche Reflexion im Team, wird zuerst zurückgestellt. Nicht weil es weniger wichtig wäre, sondern weil es wie Kür aussieht.



Hinzu kommt ein weiterer Grund, warum das menschliche Format seltener gebucht wird. Ein Teil dieser Arbeit wandert zur KI. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Coaching-Apps und KI-Assistenten, von BetterUp über CoachHub bis hin zu selbst entwickelten GPT's bei ChatGPT, und Unternehmen setzen sie ein, weil sie rund um die Uhr verfügbar sind, beliebig skalieren und einen Bruchteil kosten. Für vieles reicht das auch. Ziele strukturieren, ein schwieriges Gespräch vorbereiten, zwischen zwei Terminen reflektieren, das kann eine KI ordentlich, und sie tut es geduldig und ohne Termin.


Und doch stößt sie genau dort an ihre Grenze, wo Reflexion am meisten zählt. Die Forschung ist sich hier erstaunlich einig. Was eine KI nicht leisten kann, ist die tragfähige Arbeitsbeziehung, das echte Mitschwingen, das Aushalten von Widerspruch. Bei Themen wie Vertrauen, Identität und gerade bei Konflikten führt der Mensch, nicht die Maschine. Eine KI simuliert Empathie, sie fühlt sie nicht. Sie kann den ersten Teil übernehmen, das Sortieren und Strukturieren. Den Teil, in dem zwei Menschen einen verfahrenen Konflikt klären, kann sie (noch) nicht.


Das Streichen aus Sparzwang und das Delegieren an eine KI beruhen auf demselben Denkfehler: dass die menschliche Ebene verzichtbar sei, weil man sie streichen oder an eine App delegieren kann. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten geraten diese Themen schnell in den Verdacht, Schönwetterthemen zu sein, denen man jetzt besser keine Aufmerksamkeit schenkt, weil ja Leistung zählt. Das Gegenteil ist richtig. Dauerhafte Leistungsfähigkeit ist ohne den Blick auf Belastung und Zusammenarbeit nicht zu haben. Wer hier streicht, spart nicht. Er verschiebt die Kosten nur nach hinten, wo sie größer wieder auftauchen.


Und diese Kosten sind real. Psychische Erkrankungen verursachen inzwischen rund 17 Prozent aller Fehltage in deutschen Unternehmen, also etwa jeden sechsten, und stehen damit auf Platz drei der häufigsten Ursachen. Sie sind zudem oft mit besonders langen Ausfallzeiten verbunden, das zeigt der DAK-Psychreport. Dazu kommen die teuren, unsichtbaren Posten: die übereilte Entscheidung, der eskalierende Konflikt, die gute Fachkraft, die leise geht, das Team, das innerlich kündigt. Nichts davon steht auf der Sparliste, weil nichts davon eine Rechnung schreibt. Bezahlt wird es trotzdem.


Reflexion ist nicht das Erste, was man weglässt. Sie ist das, was verhindert, dass die teuren Dinge passieren.

Warum verschätzen wir uns so? Ich glaube, weil Innehalten aussieht wie Nichtstun. In einer Kultur, die Wert mit sichtbarem Tun gleichsetzt, wirkt die Pause unproduktiv. Wer nachdenkt, liefert in diesem Moment nichts ab. Also erscheint Reflexion als das, was man sich leistet, wenn alles andere erledigt ist. Dabei ist gerade die Pause der Ort, an dem die Arbeit gut wird. In ihr wird aus Reaktion eine Entscheidung, aus Getriebensein ein Gestalten. Wer nie innehält, bleibt schnell, aber selten klug.


Gerade in der Unsicherheit ist das entscheidend. Wenn der Markt wackelt und niemand weiß, was in zwei Jahren gilt, trägt kein Tool und keine Strategie so verlässlich wie ein Team, das offen miteinander reden kann. Das Vertrauen, dass schwierige Dinge auf den Tisch dürfen. Die Fähigkeit, einen Konflikt zu klären, bevor er das halbe Unternehmen lähmt. Das ist keine Wohlfühlmaßnahme, das ist die Statik des Hauses. Man sieht sie nicht, bis sie fehlt.


Deshalb gebe ich den Satz gern weiter, den mir ein Leser geschenkt hat. Reflexion ist kein Luxus. Sie ist das Nüchternste, was man in unsicheren Zeiten tun kann. Und vielleicht ist der beste Zeitpunkt, den Blick auf die Zusammenarbeit zu richten, nicht der, wenn wieder Geld da ist, sondern jetzt.


Wenn Sie überlegen, wo Sie in Ihrem Unternehmen ansetzen könnten, spreche ich gern mit Ihnen darüber. Eine halbe Stunde, unverbindlich.





QUELLEN

IAB-Forum: Betriebliche Weiterbildung in Krisenzeiten: Die erhoffte Trendwende bleibt aus (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2026).

Handelsblatt zum Beratungsmarkt 2025 (BDU-Zahlen, WGMB-Marktbarometer 2025/26): Der deutsche Beratungsmarkt im Zuge des Wandels (2026); WGMB: Marktbarometer 2025/26.

IW Köln, IW-Trends 2/2024: Betriebliche Weiterbildung in Deutschland (zu Weiterbildungsinhalten).

Zu KI im Coaching: Human Resources Manager (mit Verweis auf eine Stanford-Studie) und Haufe / ICF Deutschland (2025).

DAK-Gesundheit / IGES Institut: DAK-Psychreport 2025.

 
 
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