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Früh fragen ist klug, nicht schwach

  • Autorenbild: Brigitte Santo
    Brigitte Santo
  • 26. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

In meiner Arbeit erlebe ich es immer wieder: Unterstützung wird oft erst spät geholt, selten früh. Dabei wäre früh fast immer die klügere Entscheidung.



Wenn ich Geschäftsführer oder Gesellschafterinnen frage, ab wann sie über externe Begleitung nachgedacht haben, höre ich fast immer dieselbe Antwort: als es kaum noch anders ging. Als die Fronten sich schon verhärtet hatten und die Stimmung im Haus kaum mehr auszuhalten war. Vielleicht war auch schon ein erster anwaltlicher Rat eingeholt, ohne dass jemand offiziell einbezogen gewesen wäre. Hilfe kam am Ende einer langen Reihe von Versuchen, es allein zu regeln. Selten am Anfang.


Das hat einen Grund, und der sitzt tief. Wer ein Unternehmen führt, hat gelernt, Probleme zu lösen. Das ist die Rolle, das ist das Selbstverständnis. „Das regeln wir intern“ ist kein Satz über Effizienz, sondern über Identität.


Nun könnte man einwenden: Auch die Steuer ist ein Problem, und kaum ein Unternehmer macht sie selbst. Den Steuerberater zu holen gilt als vernünftig, nicht als Schwäche. Warum ist das bei einem Konflikt anders?


Weil es um etwas anderes geht. Bei der Steuer geht es um Wissen, das ich nie für mich beansprucht habe. Niemand definiert sich darüber, das Umsatzsteuerrecht im Kopf zu haben. Das auszulagern kostet mich nichts, am wenigsten mein Selbstbild. Bei menschlichen Themen ist beides anders. Hier geht es um eine Fähigkeit, die mir wie selbstverständlich zugeschrieben wird, auch von mir selbst: mit Menschen umzugehen, mein Team zu führen, meine Familie zusammenzuhalten. Hilfe zu brauchen heißt hier nicht, eine Wissenslücke zu schließen. Es fühlt sich an wie ein Urteil über mich als Person.


Und es kommt etwas hinzu. Beim Steuerproblem sitzt das Problem außerhalb von mir, im Gesetz, in den Zahlen. Beim Konflikt sitze ich mittendrin. Ich bin Teil dessen, was ich klären will. Mir einzugestehen, dass ich einen Blick von außen brauche, heißt einzugestehen, dass ich mich selbst nicht neutral sehen kann. Das ist unbequem.


Ich verstehe diesen Reflex. Und trotzdem führt er in die Irre.


Spitzensportlerinnen haben Trainer. Niemand käme auf die Idee, das für ein Zeichen von Schwäche zu halten. Dabei kann die Trainerin das Spiel meist nicht besser als die Athletin selbst. Könnte sie es, stünde sie wohl selbst auf dem Platz. Was sie kann, ist etwas anderes. Sie sieht, was die Athletin im eigenen Tun nicht sehen kann. Den eigenen Hinterkopf sieht man nicht, und die eigenen Muster im Moment der Anspannung auch nicht.


Und genau hier liegt der Unterschied zur Steuer. Den Steuerberater hole ich, weil er mehr weiß als ich. Die Trainerin weiß nicht mehr als die Athletin, eher im Gegenteil. Sie ersetzt deren Können nicht, sie ergänzt es um einen Blick, den die Athletin auf sich selbst nicht haben kann. Bei menschlichen Themen passt genau dieses zweite Modell. Niemand kennt Ihr Unternehmen, Ihre Leute, Ihre Familie besser als Sie, und eine gute Begleitung maßt sich das auch nicht an. Sie bringt nicht mehr Wissen über Ihre Sache mit, sondern einen Blick auf Sie in der Sache.


Das verändert, was Begleitung überhaupt bedeutet. Sie nimmt Ihnen die Verantwortung nicht ab. Die Athletin geht selbst auf den Platz, niemand tritt für sie an. Aber sie erweitert, was Sie sehen, bevor Sie entscheiden. In einem festgefahrenen Gesellschafterkonflikt ist das oft der ganze Unterschied. Nicht eine fertige Lösung von außen, sondern ein Blick, der die Möglichkeiten wieder öffnet, die im Tunnel verschwunden waren.



Oft steckt hinter dem Zögern noch eine zweite Sorge. Dass das Hinzuziehen einer dritten Person den Konflikt erst recht groß macht. Dass aus einer Spannung ein „Fall“ wird, sobald jemand von außen am Tisch sitzt. Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Was unausgesprochen unter der Oberfläche schwelt, wächst gerade dadurch, dass niemand es benennt. Ein geschützter Rahmen macht den Konflikt nicht größer. Er macht ihn bearbeitbar, bevor er sich verselbständigt.


Und es gibt einen handfesten Grund, früher zu fragen, als die meisten es tun. Konflikte entwickeln sich in Stufen. Je weiter sie fortgeschritten sind, desto weniger Spielraum bleibt, und desto teurer wird jede Bewegung, menschlich wie wirtschaftlich. Wer wartet, bis es brennt, hat nicht nur ein größeres Feuer. Er hat auch weniger Wege hinaus, und oft weniger Mittel, sie zu gehen.


Sich Unterstützung zu holen heißt nicht, die Verantwortung abzugeben. Es heißt, sie ernst zu nehmen.

Mir scheint sogar, es gehört mehr Stärke dazu, sich Unterstützung zu holen, als sich einzugraben. Zu sagen „ich komme hier allein nicht weiter, ich hätte gern einen anderen Blick“, das verlangt, sich greifbar zu machen. Und wer greifbar ist, wird auch angreifbar. Wer das aushält, zeigt keine Schwäche, sondern Souveränität. Es ist die Haltung von Menschen, die ihre Sache ernst genug nehmen, um sie nicht am eigenen Stolz scheitern zu lassen.



Vielleicht kommt der Tag, an dem ein klärendes Gespräch von außen so selbstverständlich ist wie der Gang zur Steuerberatung. Nicht, weil menschliche Themen weniger heikel wären, sondern weil wir aufhören, das Bitten um Unterstützung mit Versagen zu verwechseln. Bis dahin sage ich es so deutlich, wie ich kann: Es ist klug, früh zu fragen. Und es ist keine Schwäche.


Wenn Sie an einem Punkt sind, an dem ein Gespräch von außen helfen könnte, sprechen Sie mich an. Eine halbe Stunde, unverbindlich.



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